Lesetipp:Warum wir den Tod wieder ins Leben holen müssen

Bestatter-in-Marzahn-Hellersdorf
Stephanie Liermann Liebevoll Bestattungen Berlin

Lesetipp von STEPHANIE LIERMANN
Januar 2026 

Abschied als Schwerstarbeit

Der Tod ist in unserer modernen Gesellschaft oft ein Tabuthema, das hinter verschlossenen Türen stattfindet. Als Berliner Bestatterin  setze ich mich dafür ein, diese Sprachlosigkeit zu überwinden. In ihrer täglichen Arbeit erlebe ich, dass ein bewusster Umgang mit dem Verlust – so schmerzhaft er auch sein mag – der Schlüssel zu einer gesunden Heilung ist.

Das Pendel der Trauer

Trauer ist laut meiner Meinung nach kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Wer versucht, den Schmerz durch Arbeit oder Ablenkung zu verdrängen, blockiert eine natürliche Fähigkeit des Körpers zur Bewältigung. Eine „gesunde“ Trauer zeichnet sich durch ein ständiges Wechselspiel aus:

„Gesunde Trauer pendelt zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite stehen Schmerz und Klagen, auf der anderen Seite kippt man automatisch in einen Erholungsmodus, in dem man wieder lachen und am sozialen Leben teilnehmen kann.“

Die Heilkraft des Sehens

Ein zentraler Punkt in meiner Arbeit ist die Aufklärung über den offenen Sarg. Während dies Mitte des letzten Jahrhunderts fast vollständig aus der Bestattungskultur verschwand, plädiere ich heute durchaus wieder verstärkt dafür. Die Angst vor dem Anblick eines Toten sei oft unbegründet; vielmehr schüre die Ungewissheit hinter einem geschlossenen Deckel traumatische Fantasien.

„Der verschlossene Sarg hat Fantasien erzeugt – oft schlimmer als die Realität. Erst wenn man den Verstorbenen noch einmal sieht, begreift man wirklich, was passiert ist. Und erst dann kann Trauer beginnen.“

Kinder nicht isolieren

Ein häufiger Fehler im Umgang mit dem Tod ist der Versuch, Kinder vor der harten Realität zu „schützen“. Ich warne davor, die Kleinsten außen vor zu lassen. Kinder spüren die Veränderung in der Atmosphäre ohnehin; werden sie ausgeschlossen, führt dies oft zu Vertrauensverlust und Angst.

„Man möchte Kinder schützen – das ist verständlich. Aber man kann niemanden vor Tod und Trauer bewahren. Wenn man sie ausschließt, nimmt man ihnen die Möglichkeit, diesen Prozess zu durchlaufen.“

Individualität im Abschied

Ob ein gemeinsames Anstoßen mit dem Lieblingsschnaps am Sarg oder das Mitwirken der Angehörigen beim letzten Schminken der Verstorbenen: Moderne Bestattungen werden individueller. Diese persönlichen Rituale helfen den Hinterbliebenen, die „Schwerstarbeit“ der Trauer zu leisten und den Verlust Stück für Stück in ihr neues Leben zu integrieren.

„Trauer ist eine emotionale Höchstleistung. Sie bindet unglaublich viel Energie. Gerade am Anfang ist man nicht voll leistungsfähig – die Konzentration lässt nach, man ist schneller erschöpft.“